Cocktailforum

Die Bye-Bye Bar

Gestartet von 19. Feb, 13:12 Uhr
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09.03.2026, 16:37 #wfy0hu7f
rrr schrieb:
lolgrinslolgrins Da fällt mir spontan Flederbrero ein. @Old Sour, kannst ja mal forschen, falls Du noch nicht darauf gestoßen bist. Zieht sich bestimmt durch einen großen Teil des Forums. Was mich mal interessieren würde, bist Du beim Schreiben gedanklich schon eine, oder mehrere Episoden Weiter?

Flederbrero - ganz genau! Habe den Begriff zwar nicht benutzt, aber das ist natürlich gemeint...lol

Es sind eher Fragmente, die sich nach und nach zusammensetzen. Oft bin ich so eine halbe bis ganze Episode voraus.

15.03.2026, 09:49 #7AVAoc77

Das geht ja gut los für El_Muertelol

23.03.2026, 12:16 #TUnX1DZr

Rey hatte in seinem Leben viele Dinge fotografiert. Bars um drei Uhr morgens, wenn das Licht das Glas so traf, dass man kurz vergaß, was darin war. Cocktails im Moment des Entstehens – die Sekunde, in der ein Drink aufhörte, eine Ansammlung von Zutaten zu sein, und anfing, etwas anderes zu sein. Menschen, die tranken und dabei für einen Moment genau die wurden, die sie eigentlich waren. Er hatte ein Lexikon angelegt, Bilder und Beschreibungen, weil er glaubte, dass Dinge, die niemand festhielt, irgendwann so taten, als hätten sie nie existiert.
Aber den Mars hatte er noch nicht fotografiert. Nicht wirklich. Nicht von hier.
Durch das Bullauge war er jetzt groß. Nicht mehr der rötliche Punkt der letzten Stunden – ein Körper, mit Gewicht und Oberfläche und einer Textur, die man fast spüren konnte. Krater. Ebenen. Farben, die kein einfaches Rot waren, sondern ein ganzes Spektrum von Ocker und Braun und einem staubigen Orange, das Rey noch keinen Namen gegeben hatte.
Er fotografierte. Natürlich fotografierte er.
Aber er merkte, dass er zwischendurch aufhörte. Einfach so. Die Kamera unten, die Augen oben, und nichts dazwischen als das Glas und der leere Raum und dieser alte, gleichgültige Planet.
„Schön ist er nicht", sagte Mr. Sour neben ihm.
„Nein", sagte Rey.
„Aber er ist da."
„Ja."
Das schien zu reichen.
Die Landung war laut und ruppig und roch, als der Druckausgleich einsetzte, nach heißem Metall und – immer noch, hartnäckig, unvermeidlich – nach einer schwachen Note künstlicher Kokosnuss. El Muerte schloss die Augen während des Abstiegs und öffnete sie erst wieder, als das Shuttle aufsetzte und ein Ruck durch die Kabine ging, der endgültiger klang als alle vorherigen.
Stille. Dann das Ticken abkühlenden Metalls.
„Wir sind auf dem Mars", sagte Zoidberg, sachlich, als lese er es von einem Bildschirm ab.
Niemand antwortete sofort.
Der Ankunftskorridor war breiter als erwartet, und belebter. Drohnen-Gabelstapler glitten lautlos an ihnen vorbei, versiegelte Kisten in den Greifarmen. An der Wand lief ein Werbestreifen in drei Sprachen: LONGWEI AGRICULTURAL SYSTEMS – FEEDING THE DRAGON. Darunter ein Logo – grün, kreisförmig, mit einem stilisierten Blatt – und darunter nochmals, kleiner: Ihr Partner für nachhaltige Versorgung seit 2041.
Rey fotografierte den Streifen. Dann die Kisten. Dann zwei Arbeiter in grünen Longwei-Overalls, die eine versiegelte Palette in einen Transportlift schoben, ohne aufzusehen.
Die Luft roch nach Recycling und schlechtem Kaffee.
Am Ende des Korridors war der Zollraum. Und dort war Orca.
Er war also schon da – separat geflogen, auf einem Weg, den niemand genau kannte und nach dem niemand gefragt hatte. Das war bei Orca normal. Weniger normal war der Mann im grauen Overall, der vor ihm stand und sehr laut und sehr bestimmt über biologische Kontaminationsquellen sprach.
Dreyers Namensschild sagte Hygiene- und Einfuhrkontrolle, The Last Word. Er hatte die Konföderation-Kisten bereits abgehakt – geöffnet, genickt, geschlossen, Häkchen. Standardisiert. Sicher. Zertifiziert. Jetzt stand er vor Orcas handgefertigten Eichenfässern wie vor einer persönlichen Beleidigung.
„Paragraph 14, Abschnitt 3 der Einfuhrverordnung. Organisches Material, Klasse B, ohne Zertifikat. Wird konfisziert und geschreddert."
Das Wort geschreddert hing im Raum.
Orca stand still. Er hatte die Körperspannung eines Mannes, der Situationen las bevor sie eskalierten.
Jean trat einen Schritt vor. Er hatte Dreyers Tablet aus dem kurzen Blick bereits erfasst, und irgendetwas in ihm hatte weitergerechnet, während die anderen noch ankamen.
„Darf ich kurz?" Er nahm das Tablet, ohne die Antwort abzuwarten, scrollte zweimal, und drehte es dann wieder zu Dreyer. „Notfallprotokoll für organische Feuerlöschmaterialien, Klasse C. Eichenholzfässer, gefüllt mit Flüssigkeit auf Alkoholbasis, sind als Brandschutzreserve anerkannt. Paragraph 7, Abschnitt 9."
Dreyer las. „Das ist ein Notfallprotokoll. Das gilt nicht für—"
„Es gilt für organisches Material in versiegelten Transportbehältern mit dokumentiertem Sicherheitszweck." Jean gab das Tablet zurück. „Die Fässer sind versiegelt. Der Sicherheitszweck ist dokumentiert." Er sah Orca an. „Oder?"
„Vollständig", sagte Orca.
Dreyer las noch einmal. Sein Mund öffnete sich leicht. Dann machte er ein Häkchen. Dann noch eines.
Fabiene, der die ganze Szene von der Seite beobachtet hatte, sah Jean an.
„Woher wusstest du das?"
Jean lächelte verstohlen.
Torres wartete bereits im Korridor.
Er war jünger als Rey erwartet hatte – vielleicht Ende zwanzig – und trug den blauen Overall der Kolonieverwaltung. Das Emblem von The Last Word war auf die Brust gestickt, darunter ein Namensschild: TORRES. Seine Haltung hatte etwas leicht Gehetztes, wie bei jemandem, der gleichzeitig zuständig für Dinge war, von denen er lieber nicht zuständig wäre.
„Sie sind also die Cocktail-Leute“, sagte er.
Fabiene lächelte höflich. „Das wird man sehen.“
Torres nickte, als hätte er genau diese Antwort erwartet, und bedeutete ihnen zu folgen.
Der Korridor war breit genug für zwei Transportdrohnen nebeneinander. Eine kam ihnen tatsächlich entgegen, schwer beladen mit Kunststoffkisten. Auf jeder Kiste prangte dasselbe Logo, das Rey schon im Shuttleterminal gesehen hatte.
Rey fotografierte automatisch.
Torres bemerkte es. „Sie machen Bilder von allem?“
„Von allem, was noch neu ist“, sagte Rey.
„Dann haben Sie hier eine Weile zu tun.“
Sie gingen weiter. Links und rechts zweigten kleinere Korridore ab. Hinter einigen Türen hörte man Stimmen, Metallgeräusche, einmal sogar Musik – dumpf und verzerrt, als käme sie aus einem sehr alten Lautsprecher.
Die Luft roch nach Recyclingfiltern und Maschinenöl. Und nach Kaffee. Viel Kaffee.
El Muerte blieb kurz stehen und schnupperte.
„Das ist schlimmer als Flughafenkaffee.“
Torres sah ihn an. „Das ist Flughafenkaffee. Wir bekommen ihn von der Erde.“
„Dann erklärt das alles.“
Sie erreichten eine Reihe von Türen mit einfachen Nummern.
Torres tippte etwas in sein Tablet. Drei Türen klickten gleichzeitig auf.

Die Quartiere waren klein und rochen nach frischer Versiegelung – der Geruch von Räumen, die noch nicht bewohnt worden waren und das auch wussten. Vier Betten, ein Tisch, ein Fenster, das auf einen Innengang zeigte. Jean stellte seinen Rucksack ab, sah sich kurz um, und öffnete sein Notizbuch.
Er hatte auf dem Weg hierher bereits eine Liste begonnen.
Zuckerrohr. Agave. Getreide. Kräuter – Gentiana, Wermut, was auch immer die Gewächshäuser hergaben. Falernum brauchte Limetten, Ingwer, Mandeln, Zucker. Alles machbar, theoretisch. Alles eine Frage der Ausgangslage.
Torres hatte an der Tür gewartet, während sie die Koffer abstellten, mit der Geduld eines Mannes, der gelernt hatte, dass Neuankömmlinge immer einen Moment brauchten.
„Die Gewächshäuser", sagte Jean, als er wieder herauskam. „Jetzt."
Torres blinzelte. „Ich hatte eigentlich gedacht, morgen früh—"
„Jetzt wäre besser."
Torres sah in die Runde. Die anderen nickten, oder sagten nichts, was dasselbe bedeutete. Er seufzte leicht und führte sie den Korridor entlang.


Auf dem Weg durch Modul 9 blieb Jean kurz stehen.
An der Wand, zwischen einem Sicherheitshinweis und einem Kolonieplan, klebte ein Aufkleber. Klein, weiß, mit einem schlichten schwarzen Aufdruck: REINE ERDE – AUCH HIER. Darunter, in kleinerer Schrift, ein Gesicht mit Zöpfen.
Jean betrachtete ihn einen Moment. Dann ging er weiter.
Zwei Korridore später sah er ein zweites. Dann, an einer Ecke, hatte jemand drei davon übereinander geklebt – als wolle man sichergehen, dass die Botschaft ankam.
„Die sind neu", sagte Torres, ohne dass jemand gefragt hatte. „Seit etwa zwei Monaten. Jemand klebt sie über Nacht hin." Er zuckte die Schultern. „Wir entfernen sie. Sie tauchen wieder auf."
„Wie viele Leute?", fragte Zoidberg.
„Schwer zu sagen. Es reden nicht viele darüber. Aber es hören auch nicht viele weg, wenn jemand anfängt."
El Muerte sagte nichts. Er sah auf den Aufkleber und dann wieder geradeaus.
Das Gewächshaus in Modul 11 roch nach Erde. Das war das erste, was Jean wahrnahm – echter Erde, synthetisch angereichert, aber trotzdem.
Die Kisten waren unübersehbar. Longwei-Etiketten, grün, gestapelt bis zur Decke. Regalsysteme, wo Versuchsbeete hätten sein sollen. Am hinteren Ende ein schmaler Streifen mit aktivem Anbau – Tomaten, etwas Grünes, das er nicht sofort identifizierte.
Jean stand still und ließ die Zahlen durch den Kopf laufen. Fläche. Lichtkapazität. Bewässerungssystem. Was hier möglich wäre, wenn der Raum frei wäre.
„Das ist unser Labor?", sagte er schließlich.
„War es", sagte Torres vorsichtig.
„Ist es." Jean klappte sein Notizbuch zu. „Wir brauchen diesen Raum."
Torres öffnete den Mund, schloss ihn wieder.
„Longwei hat Genehmigungen", sagte er schließlich.
„Dann brauchen wir bessere." Jean sah sich noch einmal um. „Oder wir finden heraus, was sie hier eigentlich machen und warum – und dann verhandeln wir."
Zoidberg hatte den Laptop bereits offen.
Fabiene lehnte an der Tür und sah zu. El Muerte betrachtete den schmalen Streifen mit den Tomaten, als prüfe er, ob da irgendwo Zuckerrohr dazwischengeschmuggelt werden könnte.
„Wir haben nicht viel Zeit", sagte Jean. „Wir teilen uns auf. Eine Gruppe bleibt hier – Longwei verstehen, den Raum zurückbekommen." Er sah in die Runde. „Die andere geht raus. Erkundet die Kolonie. Was die Leute trinken. Was sie wollen. Ob es Konkurrenz gibt."
Alle nickten.
„Und Reine Erde", sagte Rey leise.
„Und Reine Erde", bestätigte Jean.
Jean schrieb zwei Spalten in sein Notizbuch. Links: Gewächshaus. Rechts: Kolonie. Dann trug er Namen ein, schnell, ohne zu zögern.
Draußen, durch das Verbundglasfenster am Ende des Gewächshauses, wehte Staub in langen, flachen Wellen über den Marsboden. Eine Longwei-Drohne glitt lautlos vorbei.
Zurück im Quartier stellte Fabiene seinen Rucksack auf den Tisch und holte eine der drei Rye-Flaschen heraus.
Niemand sagte etwas. Aber alle setzten sich.
Es war einer dieser Momente, die keine Ankündigung brauchten. Sie hatten gerade gesehen, was sie vorfanden – das volle Gewächshaus, die Longwei-Kisten, die Aufkleber im Korridor – und bevor irgendjemand Pläne machte oder Listen schrieb oder Entscheidungen traf, brauchte es zuerst das hier.
„Ich habe etwas", sagte Mr. Sour. Er griff in seine Jacke und zog einen Flachmann heraus. Schattenmorellenlikör, handgeschrieben auf einem kleinen Klebeetikett. Er stellte ihn neben die Rye-Flasche mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der nie wirklich geplant hatte, ihn zu erklären.
„Und ich das", sagte Jean. Aus seiner Brusttasche kam eine kleine Flasche Angostura. Nicht voll, nicht leer.
Fabiene betrachtete die drei Flaschen. Dann sah er sich im Quartier um – kein Glas, kein Rührglas. Er öffnete den kleinen Kühlschrank neben dem Waschbecken. Darin: zwei abgepackte Sandwichs, eine Flasche Wasser, und ein Eiswürfelfach, halb voll.
Er sah die Eiswürfel an. Dann sah er Mr. Sour an.
Mr. Sour sah die Eiswürfel an. Dann sah er die Rye-Flasche an. Dann stand er auf.
Auf dem Tisch stand eine Wasserkaraffe aus dickem Glas – das einzige brauchbare Gefäß im Raum. Mr. Sour nahm sie, spülte sie kurz aus, und stellte sie in die Mitte. Er goss den Rye, maß den Schattenmorellenlikör mit dem Flachmanndeckel ab, gab Bitters dazu. Dann die Eiswürfel – nicht alle, nur die richtigen, die großen. Er rührte. Nicht mit dem Kugelschreiber, sondern langsam, mit einem Messer, das er aus dem kleinen Besteckfach zog, den Stiel nach unten. Lange, kreisende Bewegungen. Die Art, wie man einen Martini rührt, wenn man weiß, was man tut.
Die anderen sahen zu.
Es war still im Quartier. Nur das leise Klirren des Messerstiels gegen das Glas, das Gleiten der Eiswürfel, das gedämpfte Summen der Belüftung.
„Improvisation", sagte El Muerte.
„Immer", sagte Fabiene.
Mr. Sour hörte nicht auf zu rühren. Noch dreißig Sekunden, vierzig. Dann hielt er inne, sah kurz ins Glas, und nickte einmal – kaum merklich, nur für sich.
Er verteilte den Drink in Zahnputzbechern und einem Plastikbecher. Es war das Würdeloseste und das Richtigste zugleich.
Sie tranken. Nicht feierlich, nicht mit Geste oder Wort – einfach so, weil der Drink da war und der Moment es verlangte.
Der Rye trug, die Morelle rundete, die Bitters gaben Tiefe. Es war kein perfekter Drink – das Gefäß war falsch, das Messer kein Barlöffel. Aber er war wahr, und das zählte mehr.
Fabiene lehnte sich zurück. El Muerte sah auf seinen Becher. Rey trank langsam und sagte nichts, was bedeutete, dass er nachdachte.
„Also", sagte Jean schließlich. „Wer macht was."
Keine Frage. Eine Feststellung.
Mr. Sour stellte seinen Becher ab. „Ich gehe ins Gewächshaus. Longwei rauswerfen. Den Raum zurückbekommen." Er sagte das so, als sei es eine selbstverständliche Schlussfolgerung. „Fabiene auch. Und Jean."
„Ich kann auch verhandeln", sagte Fabiene, ohne Begeisterung.
„Du sprichst Französisch", sagte Mr. Sour. „Und du hast Dreyer heute bereits einmal zum Schweigen gebracht."
Fabiene sagte nichts. Das stimmte.
„Die anderen erkunden die Kolonie", sagte Jean. „Was die Leute trinken. Was sie brauchen. Was es schon gibt." Er machte eine kurze Pause. „Und Reine Erde."
Kurze Stille. Nicht unangenehm – eher die Art, in der alle kurz dieselbe Rechnung machten und auf dasselbe Ergebnis kamen, ohne es auszusprechen. Zwei Probleme, wenig Zeit, keine Ahnung wie tief das eine oder das andere ging.
El Muerte sah auf seinen Becher. „Wenn Reine Erde hier schon Fuß gefasst hat—"
„Dann haben wir weniger Zeit als gedacht", sagte Rey.
El Muerte nickte langsam. Es klang einfacher als es war, und alle wussten das.
Mr. Sour schenkte nach – einen letzten, knappen Rest für jeden, direkt aus der Karaffe. Der zweite Drink war kälter als der erste und genauso wahr.
Fabiene hielt seinen Becher kurz gegen das Licht. Rye, Morelle, Bitters – in einem Zahnputzbecher, auf dem Mars, in einem Raum, der noch nicht nach ihnen roch.

25.03.2026, 15:41 #03BV0vme

verwirrt Wir befinden uns also auf dem Mars. Entschuldigung, muss gerade fotografieren....

25.03.2026, 18:34 #hXCWhBEf

sehr interessant, läßt sich gut lesenhurra

aber.....Mars schaem.gif