Die Bye-Bye Bar war überraschend gemütlich.
Kein steriles Weiß, kein Aluminium, keiner dieser institutionellen Gerüche nach Desinfektionsmittel und Erwartungen. Stattdessen dunkles Holz, das nach frisch poliertem Walnussharz roch, und ein Tresen aus einem einzigen Stück Meteoritenbasalt, natürlich vorkühlend, dessen Oberfläche so glatt war, als hätte der Raum selbst ihn über Jahrmillionen geschliffen. Er fühlte sich schwer an, endgültig, wie echte Materie. Wie etwas, das nicht dafür gebaut worden war, ersetzt zu werden. In ein paar Stunden würden ihre Hände nur noch recyceltes Polymer berühren, gebürstetes Metall, synthetische Oberflächen, die dafür gemacht waren, nichts zu verraten. Aber dieser Tresen war noch von hier. Oder zumindest von irgendwo, das nicht für Menschen gemacht worden war.
Hinter der Bar schwebten Flaschen in magnetischen Halterungen, die sanft glühten. Kein Etikett war verblasst. Kein Tropfen verschwendet.
Seit der neue Präsident vor drei Jahren seinen ersten Mint Julep getrunken und dabei angeblich geweint hatte, investierte die Konföderation großzügig in alles, was mit Cocktails zu tun hatte. Man sagte, er habe danach beschlossen, dass jede große Zivilisation großartige Drinks brauche. Ein Satz, der seither auf Bierdeckeln gedruckt wurde und den alle für tiefgründig hielten, ohne genau zu wissen warum.
El Muerte saß bereits am Tresen, als die anderen eintrafen. Vor ihm stand ein Old Fashioned. Er hatte noch nicht daran genippt.
„Du hättest schon anfangen können", sagte Fabienne Boilley, als sie den Barhocker neben ihm bestieg. Sie warf ihre Reisetasche unter den Tresen, als wäre das hier jedes andere Abschiedsessen und nicht das letzte auf dem Planeten, auf dem sie geboren worden waren.
„Ich warte", sagte El Muerte.
„Worauf?"
„Auf euch."
Fabienne sah ihn an. „Das ist fast rührend."
„Fast."
Rey Ramón Rodriguez kam herein wie jemand, der nicht geht, sondern erscheint. Er trug einen Anzug, der auf dem Mars vollkommen fehl am Platz sein würde und den er deswegen vermutlich täglich tragen würde. Er setzte sich, betrachtete die Flaschen in ihren magnetischen Halterungen und nickte langsam, so wie Kenner nicken, wenn sie etwas sehen, das ihrer Anerkennung würdig ist.
„Daiquiri", sagte er zum Barkeeper. „Klassisch. Aber wirklich klassisch. Ich werde es merken, wenn es nicht klassisch ist."
Der Barkeeper lächelte höflich.
„Of course, Sir."
Jens 11 trat ein. Er hieß Jens 11, weil es vor ihm schon zehn andere Jens im Cocktailverein gegeben hatte, die alle klüger gewesen waren als er, was stimmte, aber ihn nicht störte, weil er dafür das bessere Gespür für Säure hatte. Er trug eine Flasche Angostura unter dem Arm wie andere Leute ihren Reisepass.
„Warum bringst du Bitters mit?", fragte Fabienne.
„Sicherheit", sagte Jens 11.
„Sie haben hier Bitters."
Jens 11 betrachtete die Flaschen hinter dem Tresen. „Ja", sagte er. „Aber das sind ihre Bitters."
Mr. Sour kam als Letzter. Er setzte sich, legte beide Hände flach auf den natürlich kühlen Basalttresen, schloss kurz die Augen und öffnete sie wieder, als würde er sich die Temperatur merken.
„Also", sagte er. „Sind wir alle da?"
Alle nickten stumm.
Der Barkeeper begann zu arbeiten. Seine Hände bewegten sich mit der ruhigen Präzision von jemandem, dem man Dinge beigebracht hatte, die zählen. Eis. Messer. Zitrone. Das leise Zischen des Shakers.
„Weißt du, was mich am meisten beschäftigt?", sagte Fabienne. „Nicht der Flug. Nicht die Schwerelosigkeit. Nicht mal die Tatsache, dass wir achtzehn Monate in einer Dose sitzen werden."
Ihre Finger ruhten auf dem Basalt. Auf etwas, das nicht nachgegeben hatte, als es geformt wurde.
„Was dann?", fragte Rey Ramón.
„Ob der Zitrus auf dem Mars wächst. Und wenn ja, wie er schmeckt."
„Schlechter", sagte El Muerte.
„Das weißt du nicht."
„Doch."
„Woher?"
El Muerte hob seinen Old Fashioned und trank zum ersten Mal. Er stellte das Glas sehr sorgfältig wieder ab.
„Weil alles dort schlechter schmeckt, bis wir herausgefunden haben, wie man es besser macht."
Eine Pause.
„Auf das Neue“, sagte Fabienne leise und hob ihr Glas. „Auf Drinks, die keine Grenzen kennen. Vielleicht schmeckt ein Martini bei 0,38 g Schwerkraft ganz anders, als wir es uns erträumen.“
Mr. Sour drehte sein Glas.
„Vielleicht", sagte er, „finden wir dort oben endlich die perfekte Temperatur für das Rühren." Ein winziges Lächeln. „Oder für Cheong."
Stille.
„Wisst ihr", fuhr er fort, „Cheong verändert alles. Osmose verhält sich anders, wenn—"
„Mr. Sour", sagte Fabienne sanft.
„Ja?"
„Nicht jetzt."
Er nickte. „Nicht jetzt."
„Später“, sagte er leise, mehr zu sich selbst als zu den anderen.
Der Barkeeper stellte Fabiennes Drink hin und sagte etwas auf Englisch über den Gin. Alle nickten, obwohl mindestens zwei von ihnen kein Englisch verstanden, was sie aber nicht zugeben wollten.
Jens 11 beäugte sein Whisky Sour mit dem Ausdruck eines Mannes, der die Verhältnisse bereits kennt und trotzdem prüft. Er trank. Nickte.
„Gut", sagte er. „Die Zitrone ist gut."
„Er weiß, was er tut", sagte Rey Ramón.
Mr. Sour trank nicht sofort, wie immer. Er trank nie sofort. Er sagte, man solle einem Drink Zeit lassen, sich zu entscheiden, wer er sein wolle. Die anderen fanden das meistens übertrieben. Aber keiner von ihnen hätte es so formulieren können.
„Ich habe mich gefragt", sagte er schließlich, „ob wir eigentlich alle aus dem gleichen Grund hier sind."
„Wegen des Drinks?", fragte Jens 11.
„Wegen dem Mars."
Rey Ramón lachte leise. „Ob wir alle wissen, was wir wollen."
Draußen war die Rakete. Sie konnten sie nicht sehen, aber sie wussten, dass sie da war.
„Ich will Drinks machen, die es noch nicht gibt", sagte Fabienne. „Mit Zutaten, die noch keiner probiert hat. Auf einem Planeten, der uns noch nicht kennt."
„Das", sagte El Muerte, „ist ein guter Grund."
Jens 11 stellte seine Angostura auf den Tresen. Der Barkeeper sah sie an.
„Can I use it?" fragte er höflich.
„Nein", sagte Jens 11.
Der Barkeeper lächelte. „Of course not."
Rey Ramón rammte sein Glas auf den Tresen. „Letzte Runde!", rief er.
Der Barkeeper nickte, ohne zu fragen, ob sie es ernst meinten.
„Weißt du, was mir jemand gesagt hat?", fragte Mr. Sour. „Jemand vom Kontrollzentrum. Er hat gesagt: ‚Sie wissen, worauf Sie sich einlassen?'"
„Und?"
„Ich habe gesagt: ‚We're prepping for a voyage.'“
Er machte eine Pause. „Auf Englisch. Aus irgendeinem Grund."
Sie sahen ihn an.
„Er hat mich genauso angeschaut", sagte Mr. Sour.
Der Barkeeper stellte fünf Gläser hin. Keine Erklärung. Nur die Drinks.
El Muerte hob sein Glas.
„Auf den Mars."
„Auf den Mars", sagten die anderen.
Jens 11 fügte leise hinzu: „Und auf ordentliche Bitters, wenn wir ankommen."
Sie tranken.
Der Basalttresen war kalt unter ihren Händen. Schwer. Wirklich. Die Flaschen in ihren magnetischen Halterungen leuchteten ruhig. Kein Etikett verblasst. Kein Tropfen verschwendet.
Hinter ihnen begann jemand, die Triebwerke zu zählen.



Jetzt weiß ich, Du bist Schriftsteller. Bestimmt!!!
Deine Bye-Bye-Bar hat nur einen Haken.


Deine Bye-Bye-Bar hat nur einen Haken.
Jetzt bin ich aber gespannt! 
Das ist viel zu wenig für eine gute Cocktailbar. Wo sollen bitteschön die Gäste ihre Garderobe lassen? 
Bei der Gelegenheit, schaust Du bitte gleich nochmal in dein Postfach?