Die Bye-Bye Bar war überraschend gemütlich.
Kein steriles Weiß, kein Aluminium, keiner dieser institutionellen Gerüche nach Desinfektionsmittel und Erwartungen. Stattdessen dunkles Holz, das nach frisch poliertem Walnussharz roch, und ein Tresen aus einem einzigen Stück Meteoritenbasalt, natürlich vorkühlend, dessen Oberfläche so glatt war, als hätte der Raum selbst ihn über Jahrmillionen geschliffen. Er fühlte sich schwer an, endgültig, wie echte Materie. Wie etwas, das nicht dafür gebaut worden war, ersetzt zu werden. In ein paar Stunden würden ihre Hände nur noch recyceltes Polymer berühren, gebürstetes Metall, synthetische Oberflächen, die dafür gemacht waren, nichts zu verraten. Aber dieser Tresen war noch von hier. Oder zumindest von irgendwo, das nicht für Menschen gemacht worden war.
Hinter der Bar schwebten Flaschen in magnetischen Halterungen, die sanft glühten. Kein Etikett war verblasst. Kein Tropfen verschwendet.
Seit der neue Präsident vor drei Jahren seinen ersten Mint Julep getrunken und dabei angeblich geweint hatte, investierte die Konföderation großzügig in alles, was mit Cocktails zu tun hatte. Man sagte, er habe danach beschlossen, dass jede große Zivilisation großartige Drinks brauche. Ein Satz, der seither auf Bierdeckeln gedruckt wurde und den alle für tiefgründig hielten, ohne genau zu wissen warum.
El Muerte saß bereits am Tresen, als die anderen eintrafen. Vor ihm stand ein Old Fashioned. Er hatte noch nicht daran genippt.
„Du hättest schon anfangen können", sagte Fabiene, als er den Barhocker neben ihm bestieg. Seine Stimme war ruhig, sachlich. Er warf seine Reisetasche unter den Tresen, als wäre das hier jedes andere Abschiedsessen und nicht das letzte auf dem Planeten, auf dem sie geboren worden waren.
„Ich warte", sagte El Muerte.
„Worauf?"
„Auf euch."
Fabiene sah ihn an. „Das ist fast rührend."
„Fast."
Rey kam herein wie jemand, der nicht geht, sondern erscheint. Er trug einen Anzug, der auf dem Mars vollkommen fehl am Platz sein würde und den er deswegen vermutlich täglich tragen würde. Er setzte sich, betrachtete die Flaschen in ihren magnetischen Halterungen und nickte langsam, so wie Kenner nicken, wenn sie etwas sehen, das ihrer Anerkennung würdig ist.
„Daiquiri", sagte er zum Barkeeper. „Klassisch. Aber wirklich klassisch. Ich werde es merken, wenn es nicht klassisch ist."
Der Barkeeper lächelte höflich.
„Of course, Sir."
Jens 11 trat ein. Er hieß Jens 11, weil es vor ihm schon zehn andere Jens im Cocktailverein gegeben hatte, die alle klüger gewesen waren als er, was stimmte, aber ihn nicht störte, weil er dafür das bessere Gespür für Säure hatte. Er trug eine Flasche Angostura unter dem Arm wie andere Leute ihren Reisepass.
„Warum bringst du Bitters mit?", fragte Fabiene.
„Sicherheit", sagte Jens 11.
„Sie haben hier Bitters."
Jens 11 betrachtete die Flaschen hinter dem Tresen. „Ja", sagte er. „Aber das sind ihre Bitters."
Mr. Sour kam als Letzter. Er setzte sich, legte beide Hände flach auf den natürlich kühlen Basalttresen, schloss kurz die Augen und öffnete sie wieder, als würde er sich die Temperatur merken.
„Also", sagte er. „Sind wir alle da?"
Alle nickten stumm.
Der Barkeeper begann zu arbeiten. Seine Hände bewegten sich mit der ruhigen Präzision von jemandem, dem man Dinge beigebracht hatte, die zählen. Eis. Messer. Zitrone. Das leise Zischen des Shakers.
„Weißt du, was mich am meisten beschäftigt?", sagte Fabiene. „Nicht der Flug. Nicht die Schwerelosigkeit. Nicht mal die Tatsache, dass wir achtzehn Monate in einer Dose sitzen werden."
Seine Finger ruhten auf dem Basalt. Auf etwas, das nicht nachgegeben hatte, als es geformt wurde.
„Was dann? Ob wir die anderen dort oben treffen?", fragte Rey.
„Ob der Zitrus auf dem Mars wächst. Und wenn ja, wie er schmeckt."
„Schlechter", sagte El Muerte.
„Das weißt du nicht."
„Doch."
„Woher?"
El Muerte hob seinen Old Fashioned und trank zum ersten Mal. Er stellte das Glas sehr sorgfältig wieder ab.
„Weil alles dort schlechter schmeckt, bis wir herausgefunden haben, wie man es besser macht."
Eine Pause.
„Auf das Neue“, sagte Fabiene leise und hob sein Glas. „Auf Drinks, die keine Grenzen kennen. Vielleicht schmeckt ein Martini bei 0,38 g Schwerkraft ganz anders, als wir es uns erträumen.“
Mr. Sour drehte sein Glas.
„Vielleicht", sagte er, „finden wir dort oben endlich die perfekte Temperatur für das Rühren." Ein winziges Lächeln. „Oder für Cheong."
Stille.
„Wisst ihr", fuhr er fort, „Cheong verändert alles. Osmose verhält sich anders, wenn—"
„Mr. Sour", sagte Fabiene sanft.
„Ja?"
„Nicht jetzt."
Er nickte. „Nicht jetzt."
„Später“, sagte er leise, mehr zu sich selbst als zu den anderen.
Der Barkeeper stellte Fabienes Drink hin und sagte etwas auf Englisch über den Gin. Alle nickten, obwohl mindestens zwei von ihnen sein Englisch nicht verstanden, was sie aber nicht zugeben wollten.
Jens 11 beäugte sein Whisky Sour mit dem Ausdruck eines Mannes, der die Verhältnisse bereits kennt und trotzdem prüft. Er trank. Nickte.
„Gut", sagte er. „Die Zitrone ist gut."
„Er weiß, was er tut", sagte Rey.
Mr. Sour trank nicht sofort, wie immer. Er trank nie sofort. Er sagte, man solle einem Drink Zeit lassen, sich zu entscheiden, wer er sein wolle. Die anderen fanden das meistens übertrieben. Aber keiner von ihnen hätte es so formulieren können.
„Ich habe mich gefragt", sagte er schließlich, „ob wir eigentlich alle aus dem gleichen Grund hier sind."
„Wegen des Drinks?", fragte Jens 11.
„Wegen dem Mars."
Rey lachte leise. „Ob wir alle wissen, was wir wollen."
Draußen war die Rakete. Sie konnten sie nicht sehen, aber sie wussten, dass sie da war.
„Ich will Drinks machen, die es noch nicht gibt", sagte Fabiene. „Mit Zutaten, die noch keiner probiert hat. Auf einem Planeten, der uns noch nicht kennt."
„Das", sagte El Muerte, „ist ein guter Grund."
Jens 11 stellte seine Angostura auf den Tresen. Der Barkeeper sah sie an.
„Can I use it?" fragte er höflich.
„Nein", sagte Jens 11.
Der Barkeeper lächelte. „Of course not."
Rey rammte sein Glas auf den Tresen. „Letzte Runde!", rief er.
Der Barkeeper nickte, ohne zu fragen, ob sie es ernst meinten.
„Weißt du, was mir jemand gesagt hat?", fragte Mr. Sour. „Jemand vom Kontrollzentrum. Er hat gesagt: ‚Sie wissen, worauf Sie sich einlassen?'"
„Und?"
„Ich habe gesagt: ‚We're prepping for a voyage.'“ Er machte eine Pause. „Auf Englisch. Aus irgendeinem Grund."
Sie sahen ihn an.
„Er hat mich genauso angeschaut", sagte Mr. Sour.
Der Barkeeper stellte fünf Gläser hin. Keine Erklärung. Nur die Drinks.
El Muerte hob sein Glas.
„Auf den Mars."
„Auf den Mars", sagten die anderen.
Sie tranken.
Der Basalttresen war kalt unter ihren Händen. Schwer. Wirklich. Die Flaschen in ihren magnetischen Halterungen leuchteten ruhig. Kein Etikett verblasst. Kein Tropfen verschwendet.
Fabiene stellte sein leeres Glas nicht sofort ab. Er hielt es noch einen Moment in der Hand, als versuchte er, sich sein Gewicht zu merken.
Hinter ihnen begann jemand, die Triebwerke zu zählen.



Jetzt weiß ich, Du bist Schriftsteller. Bestimmt!!!
Deine Bye-Bye-Bar hat nur einen Haken.
Deine Bye-Bye-Bar hat nur einen Haken.
Jetzt bin ich aber gespannt! 
Das ist viel zu wenig für eine gute Cocktailbar. Wo sollen bitteschön die Gäste ihre Garderobe lassen? 
Bei der Gelegenheit, schaust Du bitte gleich nochmal in dein Postfach?
Wird das ein Fortsetzungsroman? 
Wird das ein Fortsetzungsroman?
Wenn das Interesse besteht...
Kann ja nur für mich sprechen und da besteht überhaupt keine Abneigung. Aber natürlich besteht Interesse, muss nun nicht sofort erfolgen, in lockerer Folge alle paar Wochen, Monate, oder so. Find ich toll. 
Ich hab mich amüsiert, gerne weiter!
Auf der Aussenstation
Die Andocksequenz war, wie Andocksequenzen immer sind: laut, mechanisch, und irgendwie unwürdig für einen Moment, der eigentlich historisch sein sollte. Die Konföderation hatte ihnen eine Broschüre mitgegeben, in der die Reise als "die bedeutendste kulinarische Expedition seit der Entdeckung der Fermentation" beschrieben wurde. Die Broschüre zeigte ein Foto von einem Cocktailglas vor einem Sternenhimmel. Das Cocktailglas war offensichtlich mit KI generiert worden und hatte fünf ineinander verschlungene Stiele.
Jean schaute aus dem Bullauge, als die Milky Way Station in ihrer ganzen Breite sichtbar wurde.
Unglaublich, dachte er, sagte aber nichts.
Die Station war gewaltig. Mehrere miteinander verbundene Ringe, zwischen denen Dutzende von Shuttles hin- und herflitzten wie aufgescheuchte Leuchtkäfer. Werbeprojektionen flackerten in Türkis und Orangerot über die Außenfassaden – irgendein Getränkehersteller warb mit dem Slogan "Taste the Cosmos" in Buchstaben, die je nach Winkel dreißig Meter hoch waren.
Fabiene, der neben Jean stand und sich seit Stunden kein einziges Mal beschwert hatte, was alle leicht beunruhigte, sagte schließlich: „Sie haben die Beschriftung falsch ausgerichtet. Das ‹s› hängt schief."
„Du siehst ein schiefes ‹s› auf dreißig Metern Entfernung?" fragte Mr. Sour.
„Ich sehe Fehler", sagte Fabiene.
Die Schleusenverbindung rastet ein. El Muerte applaudierte kurz, hörte aber sofort wieder auf, als niemand mitmachte.
Der Empfangsbereich der Milky Way Station roch nach recycelter Luft und dem schwachen, hartnäckigen Unterton von irgendetwas Gebratenem, das vor langer Zeit und in einer anderen Schicht zubereitet worden war. Es war trotzdem besser als das Raumschiff. Ein junger Konföderationsbeamter, der die Gruppe mit übertriebener Enthusiasmus erwartete, schüttelte allen die Hand und sprach dabei so schnell, dass nur die Hälfte ankam.
„— Kabinen 14 bis 18, Deck C, wunderschöner Ausblick, Frühstück ab sechs, die Bars schließen nie wirklich, also—"
„Gibt es drei Bars?" fragte Mr. Sour.
„Vier, wenn man die im Privatterminal zählt, aber die ist nur für—"
„Drei reichen."
Der Beamte lächelte das Lächeln von jemandem, dem man beigebracht hatte zu lächeln, ohne ihm zu erklären, warum.
Jean fand die Kabine 16 am Ende eines leicht geschwungenen Korridors, dessen Beleuchtung mit der Absicht installiert worden war, warm zu wirken, was ihr nur bedingt gelang. Er legte seine Tasche auf das schmale Bett, zog seinen Mantel aus, und wandte sich dann dem Panoramafenster zu.
Und blieb stehen.
Das Fenster ging von Boden bis Decke, gut zwei Meter breit, und gab den Blick frei auf—alles. Auf den äußeren Ring der Station, auf die kleinen Shuttles, die in Bögen und geraden Linien die Verbindungstunnel anflogen, auf die Projektionswerbung, auf den tiefen, stillen, fast beleidigend gleichmütigen Weltraum dahinter. Irgendwo dort hinten, noch nicht als Scheibe zu erkennen, sondern nur als leicht rötlichen Punkt, war der Mars.
Jean setzte sich auf den Stuhl vor dem Fenster, den man offensichtlich genau für diesen Zweck dort hingestellt hatte.
Er dachte an Paris. An die Patisserie am Ende der Rue St. Honoré, die samstags um neun Uhr morgens eine Schlange hatte, die bis zur nächsten Ecke reichte und bei der das Warten nie eine Zumutung war, weil man wusste, was am Ende wartete. Er fragte sich, ob man auf dem Mars Croissants backen konnte. Er beschloss, dass man es versuchen musste. Und er fragte sich, welchen Cocktail man dazu trinken würde – etwas Leichtes, Florales, vielleicht mit etwas Säure, das die Butter nicht erschlug, aber begleitete.
Draußen kurzte ein kleines Liefershuttle an seinem Fenster vorbei, so nah, dass er den Schriftzug lesen konnte: HUANG LOGISTICS – RING C ZUSTELLUNG.
Jean lächelte.
Es war seltsam, wie vertraut Logistik überall aussah.
Er öffnete sein Notizbuch – ein echtes, mit Papier, was ihm auf dem Raumschiff mehrere Kommentare eingebracht hatte – und schrieb: Station. Zwischenstopp. Drei Bars. Der Mars ist ein roter Punkt. Frage: Was trinkt man zur Tarte Tatin in der Schwerelosigkeit?
Er legte den Stift hin und schaute wieder aus dem Fenster.
Draußen flogen die Shuttles ihre Bögen. Die Projektionen wechselten ihre Farben. Der Weltraum war still.
Es war gut, dachte Jean, manchmal anzuhalten.
Sie trafen sich um acht Uhr im Korridor vor Deck C, wie vereinbart, mit der unausgesprochenen Übereinkunft, dass pünktlich zu erscheinen bedeutete, dass man um Viertel nach acht da war. El Muerte war der Letzte. Er hatte sich umgezogen und sah aus, als stünde etwas wichtiges bevor..
„Es ist eine Bartour", sagte Fabiene.
„Genau", sagte El Muerte.
Sie schwiegen die drei Sekunden, die nötig waren, um das Thema zu schließen.
„Wo fangen wir an?" fragte Rey, der schon sein kleines Konföderations-Stationsverzeichnis konsultiert hatte. „Die Hotelbar im zentralen Ring – die Celestial Lounge – scheint die offizielle Empfehlung zu sein."
Alle schauten ihn an.
„Ich habe es nur gesagt, weil es im Verzeichnis steht", sagte Rey. „Ich habe nicht vorgeschlagen, dass wir hingehen."
„Die Hotelbar zuletzt", sagte Mr. Sour. „Wenn überhaupt."
„Oder als Warnung", sagte Fabiene.
„Tikibar", sagte Jean, und das war das.
Die Tikibar hieß The Drifting Coconut und war der einzige Ort auf der Milky Way Station, der so tat, als sei Raumfahrt etwas, das man mit Blumenkränzen und Trommelrhythmen begehen sollte. Die Dekoration war enthusiastisch: Holzimitatverkleidung, Muschelketten, und über dem Eingang eine Neonschrift, die ALOHA blinkte, mit einem ‹L›, das mit einer kleinen Verzögerung aufleuchtete, was dem Wort einen leicht fragenden Charakter gab.
ALO–HA?
„Ich mag es", sagte El Muerte.
Die Bar war voll. Zur Hälfte mit Transitreisenden, die so aussahen, als würden sie das erste Mal seit Tagen sitzen, zur anderen Hälfte mit Stationspersonal in verschiedenen Graden der Dienstkleidung.
Hinter dem Tresen stand ein Mann Mitte fünfzig mit einem Bart, der einer Tikibar angemessen war, und Augen, die schon vieles gesehen hatten und bereit waren, noch mehr zu sehen. Er hantierte mit einer synthetischen Kokosnuss auf eine Art, die professionell und gleichzeitig leicht theatralisch war.
Er schaute auf, als die fünf an die Bar traten, und sagte etwas auf Japanisch.
Die fünf schauten ihn an.
Er sagte noch etwas auf Japanisch, diesmal mit einer leicht anderen Betonung, als könnte das die Situation klären.
„Fünf", sagte Rey schließlich und hob die Hand mit gespreizten Fingern.
Der Bartender nickte freundlich, wischte den Tresen ab, und begann Wassergläser zu verteilen. Dann sagte er auf Japanisch, was vermutlich Was darf ich euch bringen? bedeutete.
Alle schauten auf die Karte.
„Wenn sie einen Sirup auf der Karte hätten, der aus Yuzu-Cheong gemacht wird—", sagte Mr. Sour.
„Sie haben keinen", sagte Fabiene.
„Das weiß ich noch nicht."
„Du hast die Karte zweimal gelesen."
„Ich lese sie ein drittes Mal."
Der Bartender kam vorbei, sagte etwas auf Japanisch, und schaute fragend.
„Er fragt, ob wir etwas möchten", sagte Jean, der es nicht besser wusste, aber die Situation eine Vermutung verlangte.
„Frag ihn, ob sie mit Cheong arbeiten", sagte Mr. Sour.
Jean schaute den Bartender an.
Der Bartender schaute ihn an. Sagte etwas auf Japanisch.
Eine kurze Stille.
„Okaaay...", sagte Fabiene und starrte wieder in die Karte.
Der Bartender wartete geduldig. Er schien an solche Situationen gewöhnt zu sein. Er zeigte schließlich auf Karte und sagte etwas, das wie eine Empfehlung klang.
Mr. Sour schaute auf die Stelle, auf die er zeigte. „Das ist ein Rum Punch."
„Nimm den Rum Punch", sagte El Muerte.
„Ich wollte keinen Rum Punch."
„Nimm ihn trotzdem."
Mr. Sour nahm den Rum Punch. Und bevor irgendjemand sonst den Mund aufmachen konnte – bevor Rey seinen Finger heben, bevor Fabiene auch nur den Mund aufmachen konnte – lächelte der Bartender, verbeugte sich knapp, und verschwand durch eine Schwingtür hinter dem Tresen, die sich lautlos hinter ihm schloss.
Die vier Verbliebenen schauten der Tür nach.
Dann schauten sie sich gegenseitig an.
„Ich wollte eigentlich einen Old Cuban", sagte Jean.
Niemand antwortete.
Rey legte die Karte auf den Tresen, mit der sorgfältigen Langsamkeit eines Mannes, der seine Gefühle im Griff hat. Fabiene verschränkte die Arme.
Die Schwingtür blieb zu. Irgendwo dahinter waren Geräusche. Dumpfes Metall. Ein Kühlschrank. Das rhythmische Geräusch von jemandem, der etwas in großem Maßstab zubereitete.
Dann kam der Bartender zurück.
Er trug eine Schüssel.
Nicht ein Glas. Eine Schüssel – aus hellblau bemalten Porzelan, breit wie ein Waschbecken, mit einem langen Löffel aus demselben Material, auf dessen Ende eine goldene Palme als Griff befestigt war. Die Flüssigkeit darin war tief orangerot, mit einem riesigen Eisblock, auf denen Scheiben von Limette und getrockneter Orange lagen wie Inseln auf einer sehr kleinen, sehr wohlriechenden See. Eine Welle von Zitrus, Rum, Pfirsichblüte und etwas Rauchigem erfasste alle gleichzeitig.
Der Bartender stellte die Schüssel in die Mitte des Tresens, sagte etwas auf Japanisch – ruhig, zufrieden, wie jemand, der ein vollständiges Statement abgibt – und verteilte dann fünf Becher. Er verbeugte sich. Lächelte. Und verschwand wieder durch die Schwingtür.
Eine Pause.
„Das war für alle gedacht", sagte Rey schließlich.
„Das sehe ich", sagte Jean.
„Er hat uns gar nicht gefragt."
„Nein."
Fabiene schaute auf die Schüssel. Dann auf seinen Becher. Dann auf die Schüssel. „Ein Punch", sagte er, mit dem Tonfall eines Mannes, der die historische Gerechtigkeit einer Situation anerkennt, ohne sie unbedingt begrüßen zu wollen.
„Der älteste Cocktail der Welt, mehr oder weniger", sagte El Muerte und griff als Erster nach dem Schöpflöffel. „Gut. Dann fangen wir vorne an."
Er schöpfte. Die anderen hielten ihre Becher hin, einer nach dem anderen, schweigend, wie bei einer kleinen, improvisierten Zeremonie.
„Den trinkst du zuerst", sagte El Muerte zu Mr. Sour gewandt. „Als Ouvertüre."
„Das war keine Ouvertüre. Das war ein Unfall."
„Geschichte beginnt oft als Unfall", sagte Jean und hob seinen Becher.
Sie tranken. Der Punch war tief und komplex, süßlich und rum-schwer, mit einem langen, leicht bitterem Abgang, der einen daran erinnerte, dass Menschen irgendwann im siebzehnten Jahrhundert entschieden hatten, dass fünf Zutaten ausreichten, und damit nicht ganz falsch lagen.
Es war gegen halb zehn, als die Tür zur Drifting Coconut aufging und eine Gestalt eintrat, die sich mit der Selbstverständlichkeit eines Menschen bewegte, dem Räume bekannt sind.
Er war groß, hatte ein Gesicht, in dem man Jahrzehnte Berufserfahrung lesen konnte wie Jahrringe, und trug eine abgewetzte Lederschürze über einem Hemd, das möglicherweise einmal gebügelt worden war.
„Der verdammte Zoidberg", sagte El Muerte, nicht unfreundlich.
Zoidberg blieb am Ende der Bar stehen, schaute die Gruppe an, und sagte: „Ich hatte gehört, dass ihr kommt." Er setzte sich auf den freien Hocker neben Rey. „Ich dachte, ihr wärt schon in der Celestial Lounge und trinkt irgendetwas Grauenhaftes."
„Das kommt noch", sagte Fabiene.
„Hotelbar?" fragte Zoidberg.
„Als Abschluss. Oder Warnung. Wir sind noch unentschieden."
Zoidberg winkte dem Bartender. Der Bartender winkte zurück und sagte etwas auf Japanisch.
Zoidberg antwortete auf Japanisch.
Alle drehten sich zu ihm um.
„Du sprichst Japanisch?" fragte Jean.
„Ein bisschen." Zoidberg zuckte die Schultern. „Auf einer Transitstation lernt man Fragmente."
„Und was hast du bestellt?"
„Das, was er empfohlen hat."
Es stellte sic als ein Mai Tai heraus, der besser war, als er hier draußen sein durfte.
Sie blieben noch eine Stunde. Zoidberg erzählte von der Station, von den Händlern, die kamen und gingen, von den Touristen, die immer dieselben zwei Fragen stellten.
„Die Celestial Lounge“, sagte Zoidberg, „ist ein Ort, an dem Drinks gemacht werden, um gesehen zu werden. Der Chef-Bartender dort ist überzeugt, er macht die besten Cocktails der Galaxie."
„Und?", fragte Rey.
„Er macht sie kompetent." Zoidberg hielt kurz inne. „Das ist das Tragische. Er ist kompetent. Er könnte gut sein. Aber er hat irgendwann aufgehört, neugierig zu sein."
Eine kurze Stille.
„Vielleicht schauen wir trotzdem vorbei", sagte Mr. Sour.
„Natürlich", sagte Zoidberg. „Das tue ich auch ab und zu. Zur Erinnerung."
Jean schaute auf sein leeres Glas. Draußen, irgendwo hinter den Wänden und dem Metall und dem recycelten Sauerstoff, war der Weltraum. Und dahinter der Mars. Und irgendwo dazwischen, in einem der besten Drinks der nächsten Jahre, warteten Zutaten, die noch niemand kombiniert hatte.
Er stellte seinen Becher ab und sagte: „Nächste Bar?"
„Nächste Bar", sagte Fabiene.
Der Bartender sagte etwas auf Japanisch, vermutlich auf Wiedersehen.
Alle winkten.
„Tikibar", sagte Jean
...das hätte ich auch gesagt...
In der Speakeasy
Zoidberg hatte ihnen eine Adresse gegeben – Ring B, Korridor 7, die Tür mit dem kaputten Türgriff, klopft zweimal und dann einmal – und war dann selbst nicht mitgekommen, weil er, wie er sagte, noch „einige Dinge zu erledigen" hatte, was niemand genauer hinterfragte.
Der Weg zur Speakeasy war nicht ausgeschildert. Das war natürlich Absicht, aber auf eine Weise, die zwischen charmant geheimnisvoll und wir haben vergessen, ein Schild anzubringen schwankte. Der Weg führte durch einen Korridor, der immer schmaler wurde und eine Beleuchtung hatte, die offensichtlich auf atmosphärisch eingestellt war, in der Praxis aber bedeutete: man sah gerade genug, um nicht zu stolpern.
„Bin ich der Einzige, der das Gefühl hat, dass wir in den falschen Teil der Station geraten?" fragte El Muerte.
Der Korridor 7 war noch weniger beleuchtet als die Hauptkorridore, was entweder Absicht oder vernachlässigte Wartung war. Wahrscheinlich beides.
„Klopft zweimal und dann einmal", sagte Rey.
„Das weiß ich", sagte Fabiene, der schon die Hand gehoben hatte.
„Ich sage es nur—"
„Zweimal und dann einmal. Ich habe zugehört."
Fabiene klopfte. Zweimal. Pause. Einmal.
Stille.
Dann: „Qui est là?"
Fabiene räusperte sich. „Euh – Freunde von Zoidberg."
Eine längere Pause. Dann das Geräusch eines Riegels.
Die Tür öffnete sich auf eine Frau, die eine seltsam schimmernde Schürze trug, einen Ausdruck von gesunder Skepsis, und Augen, die Gäste in etwa drei Sekunden einordneten. Sie schaute die Gruppe an, dann schaute sie Jean an.
„Vous parlez français?"
„Ein wenig", sagte Fabiene, was gelogen war – er sprach es fließend – aber er wollte sich keine Verpflichtungen eingehen.
Die Frau schien das zu akzeptieren. Sie trat zur Seite. „Entrez."
Innen war die Dead Reckoning das Gegenteil der Tikibar: niedrige Decken, dunkles Holz, Leder, das tatsächlich nach Leder roch und nicht nach Lederimitat. Hinter dem Tresen hingen Flaschen in einer Ordnung, die ein geübtes Auge sofort als System erkannte, auch wenn man das System nicht auf Anhieb entschlüsseln konnte. Die Musik war leise und aus einer Epoche, die man sich aussuchte, wenn man Klavier noch als Instrument verstand und nicht als Kulisse.
Es war nicht voll. Sechs, sieben Gäste, die alle so saßen, als seien sie hergekommen, um in Ruhe zu trinken. Was sie taten.
Einer von ihnen saß allein an der Ecke des Tresens, das Gesicht halb zur Bar gewandt, halb zur Wand. Vor ihm ein Glas mit etwas Bernsteinfarbenem. Er hielt es so, wie jemand ein Glas hält, der nicht will, dass man bemerkt, wie aufmerksam er eigentlich ist.
Jean sah ihn zuerst. Dann setzten sie sich.
Die Karte der Dead Reckoning war kurz. Das war das erste gute Zeichen. Lange Karten mit dreißig Drinks bedeuteten meistens, dass niemand wirklich wusste, was er tat, und man hoffte, durch Quantität zu kompensieren. Eine kurze Karte bedeutete Entscheidungen.
Rey studierte sie mit der Sorgfalt, die er allem entgegenbrachte.
„Old Fashioned", sagte er schließlich.
„Selbstverständlich", sagte Fabiene.
Es war nicht wirklich eine Frage gewesen, aber Fabiene kommentierte grundsätzlich, auch wenn keine Meinung gefragt war, und alle hatten sich damit abgefunden, weil er meistens recht hatte.
Mr. Sour schaute auf die Karte. Dann schaute er hinter den Tresen. Dann zurück auf die Karte. Die Barkeeperin bemerkte seinen Blick und kam herüber.
„Qu'est-ce que je peux faire pour vous?"
„Haben Sie Cheong?" fragte Mr. Sour.
Sie schaute ihn an. „Pardon?"
„Cheong", wiederholte Mr. Sour, diesmal mit der leicht erhöhten Lautstärke, die Menschen instinktiv anwenden, wenn eine Sprachbarriere vorhanden ist, obwohl das noch nie geholfen hatte.
„Nimm den Old Fashioned", sagte El Muerte.
„Ich wollte nur fragen—"
„Den. Old. Fashioned."
Mr. Sour nahm den Old Fashioned.
Die Barkeeperin machte fünf Old Fashioneds. Sie machte sie ohne Hast und ohne Theater. Das Eis kam in Blöcken, die sie selbst teilte. Der Zucker in Sirupform, ein paar Spritzer aus einem winzigen Dekanter, dann die Bitters. Zwei Spritzer. Nicht drei, nicht eineinhalb. Zwei.
Sie rührte jeden Drink einzeln.
Jean beobachtete das alles mit dem Gesichtsausdruck von jemandem, der einem gut gemachten Handwerk zuschaut und dafür dankbar ist, dass es noch existiert.
Der Brandy schmeckte tatsächlich eher wie Rye, wie sich beim ersten Schluck zeigte.
Es gab den kurzen, kollektiven Moment, der sich manchmal in einer Gruppe einstellt, wenn alle gleichzeitig merken, dass etwas gut ist, und der keine Worte braucht, weil Worte ihn nur kleiner machen würden.
Dann sagte Fabiene: „Der ist gut."
Und das war das höchste Lob, das Fabiene vergab, weil er keine Superlative verwendete.
Der Mann in der Ecke drehte sich nicht um. Aber er stellte sein Glas ab.
Dann, nach einer Weile, die genau lang genug war, um zu bedeuten, dass er die ganze Zeit zugehört hatte:
„Zuckersirup."
Alle drehten sich um.
Er war etwas breiter in den Schultern als man erwartete, hatte Augen, die das Licht auf eine Art reflektierten, die Rey unwillkürlich an das Panoramafenster seiner Kabine erinnerte.
„Sirup im Old Fashioned ist falsch", sagte er, ohne sich besonders zu beeilen. „Zucker und ein Spritzer Wasser. Oder Würfel, wenn man es ehrlich meint. Der Sirup ist zu einfach. Man verliert die Textur."
Eine kurze Stille.
„Orca", sagte Jean.
„Jean", sagte Orca.
Dann: „El Muerte. Fabiene." Eine kurze Pause. „Mr. Sour. Rey."
Er kannte sie alle. Natürlich kannte er sie alle.
„Bleibt sitzen", sagte Orca, mit der Selbstverständlichkeit von jemandem, der in einer Bar, die er nicht besitzt, das Hausrecht ausübt und damit durchkommt.
„Zucker", sagte El Muerte, nachdem er sich gesetzt hatte. „Rohrohrzucker, direkt ins Glas. Mit einem Spritzer Wasser aufgelöst. Das ist der Old Fashioned."
„Das dauert länger", sagte Rey.
„Das ist kein Gegenargument."
Orca rollte sein Glas zwischen den Handflächen. „Der Zuckerwürfel hat etwas Zeremonielles. Man legt ihn ins Glas, tränkt ihn mit Bitters, sieht zu, wie er sich auflöst. Das ist kein unnötiger Schritt. Das ist Teil des Drinks."
„Das sagen alle, die gerne zusehn", sagte Fabiene.
„Und?" sagte Orca.
„Nichts. Ich sehe auch gerne zu."
Mr. Sour stellte sein Glas ab. „Der Sirup hat den Vorteil der Konsistenz. Gleiches Produkt, gleiche Süße, jedes Mal. Bei Rohrohrzucker hängt die Auflösung von der Temperatur ab, vom Rühren, von der Laune des Barkeepers."
„Dann soll der Barkeeper konsequenter rühren", sagte El Muerte.
„Oder", sagte Mr. Sour, mit dem Ton von jemandem, der einen Trumpf hat und ihn genießt, „man nimmt einen sehr guten Sirup. Zum Beispiel einen selbstgemachten Cheong aus mazerierten—"
„Wir sind wieder beim Cheong", sagte Fabiene.
Mr. Sour trank. Würdevoll.
Orca schwieg einen Moment. Dann sagte er: „In welchem Fass reift eigentlich gerade ein Speyside, wenn er gut eingestellt ist? Sechs Monate, acht Monate—" Er brach ab. Schaute in sein Glas. „Frage hypothetisch."
„Hypothetisch", sagte Jean.
„Ja."
„Natürlich."
Eine kurze Pause.
„Wohin fliegst du eigentlich?" fragte El Muerte, mit der beiläufigen Direktheit von jemandem, dem die Antwort nicht egal ist, der aber so tut, als wäre sie es.
Orca schaute ihn an. Dann schaute er auf sein Glas. Dann wieder auf El Muerte.
„Ich bin unterwegs."
„Das sehe ich."
„Geschäfte."
„Was für Geschäfte?"
„Die Art, über die man nicht spricht, wenn man sie gerade erledigt."
El Muerte nickte. Er akzeptierte das, in etwa so, wie man eine Antwort akzeptiert, die keine ist, aber zumindest gut verpackt wurde.
„Wir fliegen zum Mars", sagte Jean. „Für die Konföderation."
Orca hob kurz den Blick. Etwas in seinem Gesicht veränderte sich – nichts Dramatisches, eher wie eine Verschiebung in der Beleuchtung, die man nur bemerkt, wenn man aufmerksam ist, und Rey war aufmerksam.
„Mars...", sagte Orca.
„Mars", sagte Jean.
Eine Pause, die etwas länger war, als sie hätte sein müssen.
„Ich auch", sagte Orca schließlich.
Alle schauten ihn an.
„Es gibt auf dem Mars", sagte Orca, nach einem Moment, mit der Sorgfalt von jemandem, der Informationen abgibt wie Münzen, eine nach der anderen, „ein Klima, das interessant ist. Für gewisse Prozesse. Temperaturwechsel. Druckverhältnisse. Das macht etwas mit Holz." Er trank. „Hypothetisch."
„Natürlich", sagte Fabiene.
„Völlig hypothetisch", sagte Mr. Sour.
„Wir haben keine weiteren Fragen", sagte Rey.
Orca stellte sein Glas ab. Und zum ersten Mal an diesem Abend war etwas in seinem Gesicht, das man, wenn man großzügig war, ein Lächeln nennen konnte.
„Wisst ihr noch," sagte El Muerte nach einer Weile, in dem Ton von jemandem, dem gerade etwas eingefallen war, „wie ein Old Fashioned früher gemacht wurde? In den schlechten Jahren?"
„Früchte", sagte Rey.„Eine halbe Orange. Eine Maraschino-Kirsche. Zermuddelt. Im Glas."
„Mit Soda", fügte Jean hinzu, mit dem Gesichtsausdruck von jemandem, der eine unangenehme Erinnerung höflich formuliert.
„Mit Soda", sagte El Muerte. „Im Old Fashioned. Weil man irgendwann beschlossen hatte, dass ein Old Fashioned eigentlich ein verwässerter Fruchtsalat sein sollte."
Orca schwieg. Dann: „Ich habe einmal auf einer Messe einen Old Fashioned bekommen, in dem eine Ananasscheibe schwamm."
Alle schwiegen einen Moment.
„Eine ganze?" fragte Fabiene.
„Eine ganze."
Weitere Stille.
„Wie war er?" fragte Mr. Sour.
„Ich habe ihn nicht getrunken", sagte Orca. „Ich habe ihn fotografiert und als Beweis aufbewahrt."
Rey nickte langsam. Das verstand er.
Mr. Sour nippte an seinem Glas. „Ich habe einmal einem Hotelgast am Nebentisch erklärt, dass ein echter Old Fashioned kein Obst enthält. Er hat mich gefragt, ob ich sicher sei."
„Und?" fragte El Muerte.
„Ich war sehr sicher."
„Was hat er dann bestellt?"
„Den Old Fashioned ohne Obst. Und war hinterher überrascht, wie gut er war."
El Muerte stellte das Glas ab. „Das ist das Erstaunliche. Die Leute kommen und bestellen, was sie kennen, und gehen manchmal mit dem, was sie eigentlich wollten, ohne es gewusst zu haben."
Eine kurze Stille. Die Musik wechselte. Irgendetwas Langsames, das man in einem anderen Leben vielleicht getanzt hätte.
Jean nippte an seinem Glas und schaute auf die Flasche hinter dem Tresen. Single Cask Brandy Overproof. Dann Bourbon daneben. Dann, etwas weiter hinten, eine Reihe von Flaschen, die er nicht auf Anhieb einordnen konnte. Interessant.
„Darf ich fragen," sagte Jean, auf die mittlere Flasche zeigend, „was das ist?"
Die Barkeeperin schaute, wohin er zeigte, nahm die Flasche herunter und stellte sie vor ihn. „Un assemblage martien. Le premier, en fait. On le reçoit depuis six mois."
Er betrachtete das Etikett. Ein Mars-Destillat.
„Mars?" fragte er.
Sie nickte. „Ils savent ce qu'ils font, là-haut."
„Das werden wir dann ja sehen", sagte Jean, halb zu ihr, halb zu sich selbst.
Sie schauten sich kurz an, zwei Menschen, die sich in keiner gemeinsamen Sprache begegnen konnten, und trotzdem irgendwie verstanden hatten, worum es ging.
Orca betrachtete die Flasche. Er sagte nichts. Aber er schaute etwas länger, als nötig war.
Es war Mr. Sour, der die Stimmung brach, wie Mr. Sour Stimmungen brach – nicht aus Bosheit, sondern weil ihm gerade etwas anderes wichtiger war.
„Der Cheong-Sirup, den ich letztes Jahr gemacht habe," sagte er, „aus Yuzu-Schalen, würde in einen Old Fashioned passen. Nicht anstelle des Zuckers. Zusätzlich. Ein kleiner Löffel, ganz am Anfang."
Alle schwiegen einen Moment.
„Das klingt interessant", sagte Fabiene, nippte an seinem Glas.
„Klingt es", sagte Mr. Sour, zufrieden, und trank ebenfalls.
Orca schaute ihn an. „Yuzu-Schalen."
„Ja."
„Wie lange?"
Mr. Sour schaute ihn an. Er war nicht daran gewöhnt, dass jemand diese Frage stellte, ohne sie gleich zu beantworten oder zu verwerfen.
„Drei Monate. Manchmal vier, wenn es passt."
Orca nickte. Langsam. Mit dem Gesichtsausdruck von jemandem, der etwas in einen mentalen Katalog einordnet, den niemand sonst sehen kann.
Rey schaute auf sein Glas. Es war fast leer. Er drehte es langsam in der Hand, schaute durch das Glas hindurch auf die Lichtquelle hinter der Bar, wie man das manchmal tut, um zu sehen, was man nicht sehen kann.
„Wir haben morgen noch einen ganzen Tag hier", sagte er.
„Ja", sagte Jean.
„Und den Mars danach."
„Ja."
„Ich frage mich manchmal," sagte Rey, ohne den Blick vom Glas zu nehmen, „ob man an einem Ort so viel probieren kann, dass man gar nicht mehr weiß, was man selbst denkt. Oder ob man durch das viele Probieren erst herausfindet, was man denkt."
Eine kurze Stille.
„Man findet heraus, was man denkt", sagte Orca. „Meistens zu spät."
„Zu spät für was?" fragte El Muerte.
„Für den Drink, den man gerade in der Hand hält."
Sie blieben noch eine Runde. Die Barkeeperin machte jedem einen zweiten Old Fashioned, aus der Flasche vom Mars, ohne zu fragen, was ein weiteres gutes Zeichen war. Sie machte sie wie die ersten: ohne Hast, ohne Theater, mit dem Eis aus dem Block. Dann griff sie nach einer hellgrünen Phiole, die im Backlight geheimnisvoll glänzte, und ließ daraus einen Sprühregen auf die Tumbler niedergehen. Dann maß sie mit dem Barlöffel einen halben Barlöffel eines Sauerkirschenlikörs ab.
Orca beobachtete die Phiole mit einem Ausdruck, den nur Rey bemerkte, und Rey hatte die Angewohnheit, Dinge zu bemerken, die andere übersahen.
Der zweite Old Fashioned begann wie der erste. Dann nicht mehr. Da war etwas dahinter – kühl, pflanzlich, leicht bitter, das sich langsam entfaltete wie ein Gedanke, der Zeit brauchte. Und der Abgang wollte nicht aufhören, sondern schichtete sich weiter, zog sich durch, hinterließ etwas, das man nicht sofort benennen konnte, aber auch nicht loswerden wollte. Man wartete, wann er aufhörte. Er hörte nicht auf.
Alle tranken schweigend.
El Muerte stellte sein Glas ab. Er sagte nichts. Er schaute geradeaus. Dann hob er unauffällig einen Finger und wischte sich den Augenwinkel.
Jean bemerkte es. Und weil Jean es bemerkte, bemerkte er auch, dass ihm dasselbe passiert war, und er beschloss, es ebenfalls unauffällig zu handhaben, was bedeutete, dass es nicht unauffällig war.
„Staub", sagte El Muerte.
„Eindeutig vom Mars", sagte Jean.
„Die Belüftung hier ist nicht gut", sagte Orca.
Mr. Sour trank. Sagte nichts. Aber er blinzelte einmal mehr als nötig.
Beim Aufbruch, während die anderen ihre Jacken nahmen und Rey noch einen letzten Blick auf die Flaschenwand warf, blieb Orca kurz sitzen.
„Ring C", sagte er, ohne aufzublicken. „Kabine 14. Falls jemand morgen früh Kaffee braucht und nicht schlafen kann."
„Du schläfst nie", sagte Jean.
„Selten", sagte Orca. „Gibt Schlimmeres."
„Wir sehen uns auf dem Mars", sagte El Muerte.
Orca hob das Glas. Nicht ganz als Toast, nicht ganz als Abschied. Irgendwo dazwischen.
„Vielleicht", sagte er.
Was in diesem Fall ja bedeutete.
Beim Gehen sagte Fabiene etwas auf Französisch.
Die Barkeeperin lachte und antwortete auf Französisch.
„Was hast du gesagt?" fragte El Muerte.
„Auf Wiedersehen."
„Und sie?"
„Auch auf Wiedersehen. Nur länger."
Draußen im Korridor, im Licht das wieder atmosphärisch und deshalb zu dunkel war, blieben sie kurz stehen.
„Hotelbar?" fragte Jean.
„Hotelbar", sagte Mr. Sour.
„Als Warnung", sagte Rey.
„Als Warnung", bestätigten alle, und machten sich auf den Weg.
Ein Roman ganz nach unserem Forumsmotto: Plaudere mit Gleichgesinnten über Cocktails, Zutaten, Bars, das Leben, **das Universum* und den ganzen Rest.*
Die Celestial Lounge befand sich im Zentralring der Station, was architektonisch bedeutete, dass man mit einem Lift fuhr, der Glaswände hatte und an dem die ganze Station vorbeizog wie ein langsam rotierendes Diorama. Kleine Shuttles. Werbeprojektionen. Der rötliche Punkt, der der Mars war.
Der Eingang zur Celestial Lounge war das Gegenteil des Eingangs zur Dead Reckoning. Keine Messingplakette, kein Klopfen. Stattdessen: zwei Türen aus satiniertem Glas, die sich automatisch öffneten, und dahinter ein Raum, der mit der Entschlossenheit eingerichtet worden war, beeindruckend zu sein.
Er war es auch. Auf eine Art.
Hohe Decken, deren Beleuchtung so berechnet war, dass man immer leicht von unten angestrahlt wurde, was alle etwas unwirklicher aussehen ließ als sie waren. Panoramafenster, breiter als in der Kabine, mit Blick auf den Außenring und den Weltraum. Tische aus echtem Stein, oder zumindest aus etwas, das so aussah. Musik, die keine Musik war.
Und an der Bar: Flaschen. Farbige Flaschen. Viele farbige Flaschen. In einer Beleuchtung, die sie wie ein Schmuckfenster aussehen ließ.
„Hm", sagte Rey.
Das war alles. Aber es enthielt alles.
El Muerte trat näher an die Rückwand heran und betrachtete die Flaschen mit dem konzentrierten Blick eines Mannes, der etwas sucht, das nicht auf der Karte steht. Er ließ seinen Blick von links nach rechts wandern, langsam, systematisch, und blieb dann bei einer Reihe von Whiskys hängen. Er sagte nichts. Aber er machte eine sehr kleine, sehr bedeutungsvolle Pause, bevor er sich wieder umdrehte.
„Interessant", sagte er schließlich, so beiläufig, als hätte er gerade die Raumtemperatur kommentiert.
Sie setzten sich. Es dauerte eine Weile. Der Kellner war zu sehen – jung, mit der aufrechten Haltung von jemandem, der gelernt hat, dass Haltung Charakter ersetzt – aber er hatte gerade etwas anderes zu tun. Was genau, war nicht erkennbar. Er stand an der Bar und betrachtete etwas, das nicht die Gruppe war.
Dann kam er. Er legte die Karten ab, ohne sie anzusehen, und blieb stehen.
„Bitte", sagte er, auf Deutsch, mit einem Akzent, den man nicht sofort einordnen konnte.
Alle schauten kurz auf.
„Er spricht Deutsch", sagte El Muerte.
Der Kellner wartete. Er schaute dabei leicht an ihnen vorbei, zur Bar hin, mit dem Blick von jemandem, der woanders lieber wäre und das für keine Information hält, die er verbergen müsste.
„Was empfehlen Sie?" fragte Rey.
Der Kellner sah sie an. Kurz, direkt, mit der Miene von jemandem, der diese Frage schon zu oft gehört hat und der Meinung ist, dass die Karte genau dafür da ist. Dann sagte er, ohne besondere Begeisterung: „Unser Signature Cocktail. Celestial Sunrise."
„Was ist darin?" fragte Rey, höflich wie immer.
Er zählte auf. Tonlos, gleichmäßig, wie jemand, der einen Text rezitiert, den er nicht geschrieben hat und für den er keine Verantwortung übernimmt.
„Ein Schuss Wodka, Passionsfruchtsaft, Ananassaft, Pfirsichsirup, ein Hauch Blue Curaçao…"
„Blue…", entwich es El Muerte.
„…und eine Dekoration von rehydrierter Sternfrucht. Durch die luftige Sahne wird er wunderbar cremig. Alles getoppt mit etwas Grenadinesirup."
Er wartete. Sein Gesicht sagte nichts.
„Danke", sagte Rey. „Wir überlegen noch."
Er ging, ohne zu nicken.
Die Karte war lang, in Leder gebunden, mit Einleitungstext. Der Einleitungstext beschrieb die Philosophie des Hauses. Er war drei Absätze lang.
Fabiene las ihn. Dann schloss er die Karte.
„Nein", sagte er, kurz und ohne weitere Erläuterung.
„Was meinst du mit Nein?" fragte El Muerte.
„Wer eine ganze Seite braucht, um zu erklären, was er tut, tut es meistens nicht."
Rey schaute auf die Karte. „Sie haben einen Brandy Crusta."
„Brandy Crusta ist immer akkurat", sagte Jean.
Mr. Sour überflog die Karte mit dem Blick von jemandem, der nach einem bestimmten Namen sucht. Er fand ihn nicht. Er schloss die Karte ebenfalls, aber etwas langsamer als Fabiene, mit der ruhigen Resignation von jemandem, der das erwartet hatte.
„Eigentlich", sagte Mr. Sour nach einer Weile, „sollte man ihn bestellen."
Alle schauten ihn an.
„Den Celestial Sunrise."
„Nein", schoss es aus El Muerte.
„Der Fairness halber. Man kann nicht über etwas urteilen, das man nicht probiert hat."
„Ich kann das!", sagte El Muerte. „Er hat Blue Curaçao. Und Sahne. Das reicht mir."
„Das ist kein Argument."
„Es ist ein sehr gutes Argument."
„Es ist eine Emotion."
„Es ist", sagte El Muerte, mit der Würde von jemandem, der eine Grundsatzposition vertritt, „eine begründete Emotion."
Mr. Sour schaute in die Runde. Rey hatte das leichte Lächeln von jemandem, der weiß, wie das ausgeht. Fabiene sagte nichts, was auf seine Art Zustimmung war. Jean betrachtete die Cocktailkarte, auf der das Bild des Celestial Sunrise abgedruckt war – blau, mit weißem Sahnehäubchen und knallrotem Sirup, einer getrockneten Karambole oben drauf, und in deren Mitte eine wachsartige, rote Kirsche glühte.
Er dachte kurz an seine Jugend. An klebrige Tische, an Drinks, die mehr Farbe als Haltung hatten. Und daran, dass er sie gern getrunken hatte.
„Methodisch korrekt wäre es schon", sagte er schließlich.
El Muerte schaute ihn an. „Du auch?"
„Ich sage nur."
„Rey?"
Rey zuckte leicht mit den Schultern. Was bei Rey ungefähr warum eigentlich nicht bedeutete.
El Muerte sah die Runde an.
Fabiene hob kurz die Hand. Der Kellner ließ sich Zeit. Als er dann da war, schaute er nicht Fabiene an, sondern irgendwo knapp daneben, mit dem Blick von jemandem, der zuhört, aber nicht unbedingt interessiert ist.
„Einen Celestial Sunrise", sagte Fabiene.
Der Kellner sah den Tisch an. Die Gruppe. Er hob den Stift.
„Nur einen?"
Es war keine Frage.
„Nur einen", sagte Fabiene.
Er notierte. Kein Lächeln. Kein Kommentar. Er drehte sich um und ging.
„Er ist beleidigt", sagte Rey.
„Er war von Anfang an beleidigt", sagte Mr. Sour.
Der Celestial Sunrise kam in einem Glas, das zu groß war für seinen Inhalt. Er war so blau, dass er fast leuchtete. Die Sahne saß wie eine Wolkendecke darüber, durchzogen von rotem Sirup, der in trägen Schlieren über den Berg Sahne quoll. Die getrocknete, gelblich-grüne Sternfrucht thronte oben drauf wie ein kleines Monument. Auch die Kirsche hatte man nicht vergessen.
Sie betrachteten ihn einen Moment schweigend.
„Er sieht aus wie ein schlechter Traum", sagte El Muerte.
Fabiene hob das Glas. Betrachtete es kurz mit einem sachlichen Blick. Dann trank er einen Schluck.
Stille.
„Und?" sagte Mr. Sour.
Fabiene stellte das Glas ab. Dachte einen Moment nach, mit der Miene von jemandem, der eine komplexe Frage zu einer einfachen Antwort destilliert.
„Süß", sagte er.
„Wie süß?"
„Sehr."
„Sonst noch etwas?"
Fabiene überlegte. „Nein."
Das Glas wanderte. Rey nahm einen kleinen Schluck, mit dem ruhigen Interesse von jemandem, der alles mindestens einmal probiert. Mr. Sour nahm ebenfalls einen Schluck. Er sagte nichts. Er schluckte. Er schloss kurz die Augen.
„Nun?" fragte Rey.
Mr. Sour öffnete die Augen. „Er ist", sagte er langsam, „interessant."
Jean nahm ebenfalls einen Schluck. Zucker. Künstliche Frucht. Sahne. Noch mehr Zucker. Es war furchtbar. Und gleichzeitig, irgendwo ganz hinten, war da etwas, das er kannte – der Reflex von früher, das Gefühl von etwas, das einfach war und keine Fragen stellte und einem nicht verlangte, es zu verstehen.
Das Glas stand nun vor El Muerte. Es sah ihn an. Er sah zurück. Niemand sagte etwas.
„Nein", sagte er. Das Glas stand nicht nur vor ihm – es glotzte ihn an. Er schaute wieder hin. Die Sahne. Der Sirup. Die leuchtende Kirsche.
„Verdammt." Er nahm das Glas. Trank. Stellte es ab.
„Es ist", sagte er schließlich, „wirklich sehr süß."
„Das haben wir gesagt", sagte Fabiene.
El Muerte nickte langsam. „Es ist auch… nicht das Schlechteste, das ich je getrunken habe."
Mr. Sour nickte zufrieden. „Gut. Das wissen wir jetzt."
El Muerte schob das Glas ein kleines Stück von sich weg. Nicht weit. Nur weit genug.
Sie zahlten. Der Kellner brachte die Rechnung auf einem kleinen Tablett, mit zwei Pfefferminzkaramellen daneben, und legte sie ab, ohne stehenzubleiben. Als sie aufstanden, sagte er, ohne aufzublicken, mit dem Tonfall von jemandem, der einen Satz beendet, den er schon tausendmal beendet hat: „Danke für Ihren Besuch."
Das war alles.
„Au revoir", sagte Jean.
„Hasta luego", sagte El Muerte.
„Arrivederci", sagte Fabiene.
Die Pfefferminzkaramellen blieben auf dem Tablett.
Draußen, im Korridor, blieben sie kurz stehen. Durch ein langes Panoramafenster sah man den äußeren Ring der Station, die kleinen Shuttles in ihren Bögen, und dahinter den Weltraum in seinem gleichmütigen Schwarz. Irgendwo, zwei Korridore weiter, fuhr ein automatisches Reinigungsfahrzeug seine Runden und summte dabei leise.
„Morgen Deck F", sagte Mr. Sour.
„Und übermorgen der Mars", sagte Rey.
El Muerte schaute einen Moment durch das Panoramafenster. „Ich frage mich", sagte er, „ob man auf dem Mars an Fässer kommt."
„El Muerte."
„Ja?"
„Gute Nacht."
„Gute Nacht."
Der Mars war immer noch ein roter Punkt, irgendwo da draußen. Aber er fühlte sich, dachte Jean, etwas näher an als noch heute Abend.
Er sagte das nicht laut.
Aber er schrieb es sich, als er später in der Kabine war, ins Notizbuch.
Drei Bars. Rum Punch, Old Fashioned, Celestial Sunrise. Deck F morgen. Der Mars: näher.
Mit einem kleinen Seuzfer klaptte er den Deckel zu. Draußen vor dem Panoramafenster flogen die Shuttles ihre Bögen. Die Projektionen schalteten sich für die Nacht auf ein gedämmteres Programm um. Der Weltraum war sehr still.
Es war gut, dachte Jean.
nicht schlecht 
Das ist alles gut zu lesen, aber woher weißt Du, das ich die Gläser immer rolle
Und gerade ist ein Hellinger42 NewMake in dem Ex Portweinfass.......erstmal für 6Mon.

nicht schlechtDas ist alles gut zu lesen, aber woher weißt Du, das ich die Gläser immer rolle
Und gerade ist ein Hellinger42 NewMake in dem Ex Portweinfass.......erstmal für 6Mon.
Hallo Orca
Freut mich, dass es Dir gefällt. Das Wissen habe ich hauptsächlich von den Posts hier im Forum. Der Rest ist Fantasie 😀
Wenn das Interesse besteht, kann ich auch weiterschreiben. Momentan bin ich im Ausland, wird also etwas dauern.
Cheers!
Ich finde es auch sehr unterhaltsam. Hab mich an einigen Stellen wieder erkannt. Schreibst du vollständig selbst, oder ist da noch eine KI dabei?
Zoidberg hatte nicht wirklich geschlafen. Das war kein Problem – er hatte in Jakarta gelernt, dass Schlaf eine Verhandlungssache war, kein Recht. Zwischen zwei Schichten im St. Regis, wenn die Bar geschlossen und die Küche noch nicht offen war, hatte er in einem Stuhl gedöst und dabei weitergetippt. Das Gehirn arbeitete weiter, auch wenn die Augen zu waren. Manchmal besser.
Um kurz nach acht hatte Orca über die interne Nachrichtenfunktion angeklopft: Ring C, Kabine 14. Kaffee.
Er hatte Mr. Sour und El Muerte auf dem Weg dorthin getroffen. Mr. Sour sah aus, als habe er die Nacht damit verbracht, den gestrigen Abend in allen Einzelheiten zu rekonstruieren. El Muerte war blass aber aufrecht, mit dem Gesicht eines Mannes, der bereits wusste, welche Substanzen ein System wieder in Betrieb setzen.
Kabine 14 war kleiner, als Zoidberg erwartet hatte, und voller Dinge, die dort nicht hingehörten. Nicht auf aufdringliche Weise – eher so, als hätte jemand sorgfältig dafür gesorgt, dass nichts sofort ins Auge sprang, aber alles da war. Transportkisten in einer Größe, die für persönliches Gepäck etwas zu groß war. Etiketten, die nichts Konkretes sagten. Ein leises, gleichmäßiges Summen, das von irgendwo hinter der Verkleidung kam und das Zoidberg nach einem Moment als Temperatursensor identifizierte.
Orca machte Kaffee. Er machte ihn mit einer kleinen, handgekurbelten Mühle und einem Handaufguss-Set, das er irgendwo in einem Rucksack verstaut haben musste, und er machte ihn gut. Sehr gut.
„Woher hast du die Bohnen?", fragte Mr. Sour.
„Mitgebracht." Er sagte das mit der ruhigen Selbstverständlichkeit eines Mannes, der früher in brennende Gebäude gelaufen war und seither wenig für erklärungsbedürftig hielt.
Niemand fragte weiter.
Sie tranken und sprachen über die gestrige Nacht, über den Mars, über die Frage, ob man konföderationseigene Ausrüstung für private Experimente benutzen dürfte, was theoretisch niemanden interessierte, aber praktisch alle kurz beschäftigte.
Zoidberg tippte auf seinem Laptop, halb zuhörend. Er hatte sich in der Nacht – nicht absichtlich, einfach weil er es konnte und weil die Systeme der Außenstation eine einladend laxe Sicherheitsarchitektur hatten – durch mehrere Logdateien gelesen. Frachtdokumente. Routenänderungen. Sicherheitsberichte aus dem Asteroidengürtel, die eigentlich für die Stationsleitung bestimmt waren und nicht für einen Aushilfs-Bartender mit einem zu neugierigen Laptop.
Irgendwann hielt er inne und drehte den Laptop so, dass die anderen das Bild sehen konnten – eine Gruppe von Menschen vor einem Gebäude, Transparente, Kameras. Die Überschrift lautete: Fermentation ist KEINE Kultur. Zero Toleranz!"
„Hört euch das an."
Niemand sah sofort auf. Das war normal.
„Nein, wirklich."
Mr. Sour blinzelte. El Muerte stellte seinen Becher ab.
„Die sagen, Gärung in jeder Form sei DAS Problem", sagte Zoidberg. „Roggenbrot. Joghurt. Kombucha." Er machte eine kurze Pause. „Kaffee. Bananen."
„Bananen?", fragte Mr. Sour.
„Bananen fermentieren von Natur aus leicht. Das ist ihnen suspekt."
Eine Stille entstand. Dann ein leises, ungläubiges Lachen.
„Wie viele Leute sind das?", fragte El Muerte.
„Genug", sagte Zoidberg. „Drei Sitze im Erdrat. Zwei Medienkanäle. Und eine Anti-Alkohol-Einheit, die seit letztem Jahr offiziell operiert. Das ist keine Randgruppe mehr. Die haben sogar so ein Kind zur Präsidentin gewählt“, sagte Zoidberg und drehte den Laptop in ihre Richtung.
Auf dem Bildschirm starrte sie eine Göre mit Zöpfen und finsterem Blick an. Man dachte beinahe, sie könnte einem den Kaffee aus der Hand schlagen.
Zoidberg schloss den Feed. Das Summen hinter der Verkleidung war noch da.
„Warte mal", sagte Mr. Sour langsam. „Fermentation in jeder Form."
Niemand antwortete.
„Bier ist Fermentation. Wein ist Fermentation." Er setzte seinen Becher ab. „Whisky ist fermentiertes Getreide, destilliert. Rum ist fermentierte Zuckerrohrmelasse. Jeder Cocktail, den wir je gemacht haben—"
„Ja", sagte Zoidberg.
„Die meinen uns."
El Muerte starrte auf seinen Espresso. Mr. Sour lehnte sich zurück und sah aus, als hätte ihm jemand ohne seines Wissens einen Celestial Sunrise bestellt.
Es war nicht die große, dramatische Erkenntnis, die einen umwirft. Es war die kleine, ruhige, die sich festsetzt – wie ein Eiswürfel, der langsam schmilzt und dabei das ganze Glas verändert.
„Drei Sitze im Erdrat", sagte El Muerte schließlich, fast zu sich selbst.
Niemand sagte etwas. Orca schenkte sich selbst nach, stellte die Kanne ab, und sah kurz zu seinen Transportkisten hinüber – nur eine Sekunde, fast unmerklich.
„Orca", sagte Zoidberg schließlich, ohne aufzublicken. „Gibt es eigentlich Piraten hier draußen?"
Eine kurze Pause.
„Gerüchte", sagte Orca.
„Ich habe achtzehn Sicherheitsberichte aus dem Asteroidengürtel gelesen. Alle aus den letzten vier Monaten. Alle unter Verschluss." Zoidberg tippte. „Rum-Schmuggel, hauptsächlich. Mehrere Verbände. In einem Bericht stand sogar, sie hätten nach Limetten gefragt."
Alle sahen Orca an.
„Gerüchte", sagte Orca noch einmal, aber diesmal klang es eher wie eine Bestätigung.
Das Summen hinter der Verkleidung war immer noch gleichmäßig. Zoidberg warf einen kurzen Blick auf die Transportkisten und wieder auf seinen Bildschirm. Er schrieb etwas auf, das er nicht laut sagte.
Niemand fragte nach den Kisten.
Um dreizehn Uhr dreißig kündigte die Stationsansage den Start des Shuttles Ares-3 an. Boarding in neunzig Minuten, Ausgang sieben, Deck F.
Fabiene war auch da, frisch, mit einem Kaffee in der Hand, und sah aus wie jemand, dem ausreichend Schlaf eine Weltanschauung war. Rey hatte seine Kamera dabei. Jean sein Notizbuch.
Durch das große Panoramafenster war der Mars zu sehen – ein kleiner, rötlicher Punkt, ruhig und gleichgültig, wie er es seit Milliarden von Jahren war.
„Wie macht man eigentlich Eiswürfel auf dem Mars?", fragte Mr. Sour.
Eine Pause entstand.
„Gefrierpunkt von Wasser gilt überall", sagte El Muerte.
„Ja, aber wie formt man sie? Unter welchem Druck? Welche Temperatur herrscht in den Kolonieräumen?" Mr. Sour schien das wirklich zu beschäftigen. „Ein Cobbler ohne ordentliches Crushed Ice ist kein Cobbler."
„Man kann Eis auch schaben", sagte Jean.
„Man kann Eis schaben", bestätigte Mr. Sour, als sei das eine philosophische Aussage.
Das Gespräch trug sie durch den Korridor, die Treppe hinunter, und bis zum Ausgang sieben. Zoidberg hatte den Laptop unter den Arm geklemmt. Er dachte an die achtzehn Sicherheitsberichte. An Orcas Kisten. An die drei Sitze im Erdrat.
Dann dachte er an den Paper Plane – gleiche Teile, keine Kompromisse, perfekt ausbalanciert – und daran, dass es möglicherweise nirgendwo auf dem Mars Aperol gab.
Das würde ein Problem werden.
Aber zuerst musste man hinfliegen.
Er folgte den anderen in das Shuttle.
(...) eine Göre mit Zöpfen und finsterem Blick (...)
Da hab ich direkt ein bestimmtes Bild vor Augen... 
Zwei Stunden nach dem Start war die Eiswürfel-Diskussion eines natürlichen Todes gestorben, und eine neue Stille hatte sich eingestellt – die angenehme Art von Stille, in der niemand reden musste, weil jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war.
Jean hatte sein Notizbuch aufgeschlagen und schrieb nichts. Das passierte manchmal – das Notizbuch war offen, der Stift in der Hand, und trotzdem kam nichts, weil der Kopf noch woanders war.
El Muerte dachte an den Mars. An Gewächshäuser. An die Frage, ob Zuckerrohr unter künstlichem Licht dieselben Aromen entwickelte wie unter Sonne.
Ein dumpfer Ruck ging durch das Shuttle – irgendein Manöver, eine Kurskorrektur. Niemand wusste es genau. Aus der Frachtsektion hinter der Trennwand hörte man ein Poltern, dann Stille.
Dann kam der Geruch.
Zuerst nur ein Hauch. Süß, irgendwie. El Muerte runzelte die Stirn und dachte, er bilde sich das ein. Dann stärker. Dann unmissverständlich künstlich – die Art von Süße, die keine echte Frucht je produziert hatte.
Rey hob den Kopf. Mr. Sour schnupperte. Jean legte den Stift hin.
„Riecht hier jemand...?" Rey ließ den Satz offen.
„Pfirsich", sagte Mr. Sour. „Künstlicher Pfirsich."
„Und Kokosnuss", sagte Fabiene, mit dem Ton eines Mannes, dem das bereits zu viel war.
El Muerte sagte nichts. Er atmete durch den Mund. Dann stellte er fest, dass man den Geruch auch durch den Mund schmeckte, und das war noch schlimmer. Kokosnuss. Künstliche Kokosnuss. Die Art, die mit echter Kokosnuss ungefähr so viel zu tun hatte wie ein Plastikbaum mit einem echten Wald.
Der Geruch wurde stärker. Die Kokosnuss setzte sich durch – penetrant, ölig, süßlich, eine olfaktorische Zumutung in konzentrierter Form. Dann kam die Passionsfrucht dazu, oder was auch immer das da hinten für Passionsfrucht hielt. Zusammen ergaben sie etwas, das entfernt an einen Strandbar-Abend erinnerte, den man am liebsten vergessen würde.
Fabiene stellte die Lüftung über seinem Sitz auf Maximum. Das half wenig. Er stand auf.
„Ich schau kurz nach hinten."
Er verschwand hinter der Trennwand zur Frachtsektion. Nach etwa einer Minute war er wieder da.
Er war bleich.
Nicht krank-bleich. Eher die Farbe eines Mannes, der etwas gesehen hatte, das er nicht erwartet hatte, und der jetzt die Worte suchte, um es in Sprache zu übersetzen.
„Ich...ich habe eine Frage", sagte er schließlich, ruhig, fast höflich, ein leichtes Zittern in der Stimme. „Weiß jemand von euch, was wir eigentlich zum Mars transportieren?"
Stille.
„Die Kisten", sagte er. „Sie sind mit ‚Carta Blanca' angeschrieben."
Niemand sagte etwas.
„Viele Kisten", fügte Fabiene hinzu.
„Müsste in den Bordunterlagen stehen", sagte Zoidberg, ohne wirklich nachzudenken. Er hatte den Laptop bereits auf den Knien. „Ich schau kurz."
„Die Bordunterlagen sind für die Crew", sagte Rey.
„Ich schaue nur." Seine Finger bewegten sich. Dann noch einmal. Dann tippte er etwas, das verdächtig nach einem Passwort aussah.
„Zoidberg."
„Das System ist wirklich nicht gut gesichert. Das ist fast fahrlässig." Er scrollte. „Ah. Spirituosenausstattung Mars-Kolonie Einheit 7. Konföderationsstandard. Genehmigt durch Ausschuss für Versorgungslogistik und Wohlbefinden."
„Klingt...vielversprechend", sagte Mr. Sour.
Zoidberg scrollte weiter. Sein Gesicht veränderte sich nicht, aber seine Tippgeschwindigkeit sank merklich. „Bacardi Carta Blanca. Sechsundsechzig Flaschen."
Stille.
„Weiter", sagte Fabiene, mit der Stimme eines Mannes, der bereits das Schlimmste ahnte.
„Sierra Silver Tequila. Vierundfünfzig Flaschen. Malibu —"
„Wie viele", sagte El Muerte. Es war keine Frage.
„Vierzig."
El Muerte schloss kurz die Augen. Das erklärte den Kokosgeruch. Auf eine Art, die er am liebsten ungewusst gelassen hätte.
„Und dann noch", sagte Zoidberg, „diverse Likörflaschen und Sirupe. Sortiment: Festlich."
„Was ist im 'Sortiment Festlich'?", fragte Rey.
„Das will ich nicht wissen", sagte El Muerte.
Zoidberg scrollte trotzdem. „Southern Comfort. Peach Tree. Passoã. Grenadine. Melonenfruchtlikör." Eine kurze Pause. „Künstlicher Himbeersirup." Noch eine Pause. „Batida de Côco."
"Natürlich", sagte El Muerte und rieb sich die Schläfen.
Alle sahen zur Trennwand der Frachtsektion. Der Geruch hatte inzwischen eine gewisse Eigenständigkeit entwickelt.
„Das ist das Sortiment Festlich", fragte Mr. Sour vorsichtig.
„Ja", sagte Zoidberg.
Fabiene nahm den Laptop, las noch einmal mit zitternden Lippen, und gab ihn Zoidberg wieder zurück.
„Der Ausschuss für Versorgungslogistik und Wohlbefinden", sagte El Muerte schließlich, „hat noch nie in seinem Leben einen anständigen Cocktail getrunken! Diese verdammten Bürokraten!" In seiner Stimme lag zum ersten Mal so etwas wie Wut.
„Dabei kann man mit Pfirsichen arbeiten", sagte Mr. Sour. Offenbar suchte er nach einem Strohhalm.
Alle sahen ihn an.
„Im Ernst. Pfirsich und Whisky—"
„Ganz sicher nicht mit dem Peach Tree. Nein", sagte El Muerte.
Mr. Sour nickte stumm.
Jean hatte inzwischen angefangen, still in sein Notizbuch zu schreiben. El Muerte kannte dieses Schreiben – es war kein Notieren, es war ein Verarbeiten.
„Was schreibst du?", fragte El Muerte nach einer Weile.
„Was wir selbst herstellen müssen." Jean blätterte eine Seite um. „Falernum sowieso. Angostura, wenn wir Gentianawurzel bekommen. Guten Rum – Zuckerrohr in den Gewächshäusern, Destillation braucht Zeit, aber es geht. Agave." Er sah auf. „Wir fangen von vorne an. Das ist eigentlich keine schlechte Ausgangslage."
„Wir haben sechsundsechzig Flaschen Carta Blanca und vierundfünzig Silver... ‚Tequila'", sagte El Muerte.
„Die können wir für Reinigungszwecke verwenden."
El Muerte sah Jean an. Dann entspannte sich etwas in ihm. „Gewächshaus. Zuckerrohr. Wie lange bis zum ersten destillierten Rum?"
„Kommt auf die Anlagen darauf an. Die neue Generation der synthetischen Gewächshäuser versprechen fünf, sechs Wochen. Ansonsten...Zuckerrohr braucht zwei Jahre zur Vollreifung..."
El Muerte schluckte leer.
„Bis dahin", sagte Fabiene, ohne aufzublicken, „haben wir noch meine drei Flaschen Rye."
Zoidberg tippte. Rey fotografierte den Laptop – Bildschirmseite nach oben, für das Archiv. Jean schrieb weiter.
Der Geruch von künstlichem Pfirsich und Kokos hing noch immer in der Luft. Er würde vermutlich eine Weile bleiben.
Draußen war der rote Punkt jetzt deutlich größer.



Da fällt mir spontan Flederbrero ein. @Old Sour, kannst ja mal forschen, falls Du noch nicht darauf gestoßen bist. Zieht sich bestimmt durch einen großen Teil des Forums.
Was mich mal interessieren würde, bist Du beim Schreiben gedanklich schon eine, oder mehrere Episoden Weiter?